Puja & Raja 
(Foto 2005)

... Tantra aus esoterischen und exotischen Höhen ins praktische, tägliche Leben bringen ...



Interview mit Raja und Puja Richardson


Frage: Über Tantra ist ja zur Zeit sehr viel zu hören und zu lesen. Wo ordnet ihr eure Arbeit dort ein?

PUJA: Ja, wir hören mehr und mehr über Tantra, weil mehr und mehr Leute in unserer Gesellschaft bewusster werden., also eine gute Sache. Unser Ansatz ist anders, weil er sich um den sexuellen Akt dreht.

F: Ich dachte, bei Tantra geht's um Sex?

PUJA: Ja und nein. Sicherlich gehts beim meisten Tantra von dem wir hören um Sex aber nicht unbedingt um seinen zentralen Punkt ? die Sexualorgane an sich. In unserem Ansatz werden wir uns derer als zwei Hälften eines Ganzen bewusst und entdecken, wie wir ihre ekstatischen Krafte kreiren können. Auf diese Weise gehen wir direkt zum Wesentlichen vor. Wir bieten eine tantrische Vision von Sex an, die ein Erforschen von einem feinen Austausch der Genitalien beinhaltet. Dadurch entstehen Ekstase und Meditation ganz natürlich. Wegen unserer direkten Annäherung an Sex arbeiten wir nur mit Paaren und während unserer Retreats ist genug Zeit, das alles im eigenen Zimmer auszuprobieren. Auch finden jegliche sexuellen Aktivitäten bei uns nicht im Gruppenraum statt.

F: Was ist der Unterschied zu "normalem" Sex?

RAJA: Es ist ein langsamerer Ansatz, es geht um Entspannung und Sensitivität, nicht so sehr um Sensationen und Stimulierung. Normalerweise gehts beim Sex um das Aufbauen von Energie und Intensitivität. Wir gehen auf einen Orgasmus zu oder einem anderen Höhenflug. Was aber tatsächlich passiert, ist, das Körper und Mind sich immer mehr an ? und verspannen. Und das kann problematisch werden, siehe vorzeitiger Samenerguss oder sexueller Frust. In Wahrheit fühlen wir uns auf natürliche Weise ekstatisch, wenn wir anfangen, uns beim Sex tief zu entspannen. Der grosse Unterschied ist also, dass wir Entspannung auf alle erdenkliche Art und Weise ermutigen. Entspannung bringt uns ins Hier ? das Geheimnis von Tantra. Wenn wir hier sind, werden wir wach und bewusst. Und diese besondere Qualität verwandelt Sex in Liebe. Es ist erstaunlich, normalerweise sehen wir in unsrern Kursen schon nach 2 oder 3 Tagen wie die Paare strahlen und liebevoller sind.

F: Um was geht es? Was ist das Ziel eurer Arbeit?

PUJA: Das Unglaubliche ist, dass wenn wir unsere Genitalien besser verstehen konnen, die Art und Weise, wie Natur sie gemacht hat, kommen wir in Kontakt mit unserem tiefsten Selbst. Das gibt uns Vertrauen; wir werden liebender und weniger ängstlich. Mit Sex und Liebe haben viele von uns schmerzhafte Erfahrungen machen mussen, Enttäuschungen, Unsicherheit,. Unklarheit etc. Wir haben uns wegen Sex gestritten und wir haben uns wegen Sex von jemanden getrennt, den wir eigentlich lieben. Und so geht es immer weiter. Jedoch können wir mit neuem Input und Information das ganze Bild herumdrehen und unser Leben verändern. Wir können Liebe schaffen, Erfüllung und Zusammenhalt finden ? durch Sex! Es kann eine stärkende, heilende Kraft sein. Wir wollen das mit anderen Paaren teilen ? die Möglichkeit, eine liebevolle Beziehung zu schaffen, wo das sexuelle Interesse und die Anziehungskraft stärker werden.
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F: Stärker? Normalerweise ist es aber anders herum.

PUJA: Genau. Oft werden Paare unsensible füreinander, die Körper verschliessen sich, Gewohnheiten bilden sich…Bei unserem Ansatz werden die Genitalien immer sensitiver füreinander, wie Musikinstrumente, die sich stimmen, und Sex wird immer besser!.

F: Für wen eignet sich euer Retreat?

RAJA: Jedes Paar, das daran interessiert ist, Liebe zu machen. Jeder hat die Fähigkeit, Liebe zu machen, also für jeden. Manchmal haben Paare, die zu uns kommen, ganz aufgehört, Liebe zu machen, oder nur sehr selten, aber dieser Ansatz macht die Tür zu Intimität wieder auf. Auch finden wir, dass die Information für jedes Alter passt. Ob sechzehn oder sechzig. Ob 35 Jahre zusammen oder nur eine Nacht. Wir hatten schon soviele verschiedene Kombinationen und Nationalitäten, es scheint für alle zu funktionieren. Interessanterweise ist es für junge Leute einfacher, diesen neuen Ansatz zu verstehen. 

F: Warum

PUJA: Wenn wir jünger sind, ist unsere sexuelle Konditionierung nicht so stark. Der Mind ist nicht so eng, der Körper flexibler und entspannter.

F: Das heisst, man braucht keine tantrische oder spirituelle Vorerfahrung?

RAJA: Stimmt, wir haben Paare mit ganz unterschiedlichem Hintergrund. Vorerfahrungen können natürlich hilfreich sein, sind aber nicht wesentlich. Wir alle haben ähnliche sexuelle Konditionierungen und die Konditionierung ist die Ursache für Schwierigkeiten, denen Leute im Sex begegnen.

F: Was meint ihr mit Konditionierung?

RAJA: Wir verspannen uns einfach zuviel im Sex, wir tun zuviel und hören auch leider viel zu schnell wieder auf. Die Befriedigung ist nicht wirklich tief und wir wollen mehr. Das nächste mal machen wir genau das Gleiche und die Unzufriedenheit wächst. Das geht bis zum Extrem, dass das Interesse an Sex völlig verloren geht oder man sich abgestossen fühlt. Besonders Frauen. Aber auch Männer. Das passiert wegen der Spannung und Anstrengung die wir machen. Viele Männer haben zugegeben, dass Sex für sie harte Arbeit ist, dann ist es eine Erleichterung, all den Druck und die Erwartungen nicht mehr zu haben. Wenn wir lernen, uns beim Sex zu entspannen, dann kann es Stunden dauern, dann gibt es plötzlich keinen Endpunkt mehr. Die Befriedigung ist wirklich tief, - lieben und geliebt werden. Aber das Entdecken unserer versteckten sexuellen Möglichkeitem verlangt, dass wir mit unseren sexuellen Mustern spielen. Sich beim Sex zu entspannen ist eine Kunst, nicht etwas, das über Nacht geschieht. Die Anspannung in Sex ist unsere Psychologie, also braucht es Zeit und Übung, uns wieder "ins Lot" zu bringen und der Intelligenz der Genitalien zu vertauen.

Genialien und Intelligenz werden nicht sooft miteinander in Verbindung gebracht.

PUJA: Es gibt eine unterschwellige Polarität oder Magnetismus zwischen männlichen und weiblichen Genitalien, eine subtile Anziehungskraft. Das ist die Grundlage unserer natürlichen, biologischen Ekstase in Sex. Aber wir müssen langsamer werden, sensibler und wacher und dann fängt diese Intelligenz an, aufzuwachen. Es hängt vom Bewusstsein ab, es ist keine spezielle Technik.

F: Gibt es grosse tantrische Gruppenrituale bei euch?

RAJA: Grosse Rituale sind unsere Sache nicht. Wir arbeiten mit den Paaren untereinander. Es ist also keine Gruppenerfahrung sondern eine persönliche. Rituale können uns helfen, langsam in die Bewusstheit des jetzigen Moments zu kommen. Sie helfen uns, lebendiger und offener in Körper und Verstand zu sein. Das ist die Idee dahinter. Wir benutzen andere Sachen, uns ins ‘Hier’ zu bringen. Aber wir ermutigen Paare, wenn sie es hifreich finden vor dem Liebemachen ein Ritual zu machen.. 

Q: Was ist euer Hintergrund? Wo habt ihr euch inspirieren lassen?

PUJA: Glücklicherweise haben wir zwei der höchsten Quellen tantrischer Inspiration ? Barry Long und Osho. Durch beide wurde ich zu einem Erforschen von Sex geführt, das mein Leben verändert hat. Sicherlich habe ich niemals erwartet, vor Leuten zu sitzen und Tantra zu lehren. Ich war auf der Suche nach mehr Tiefe im Sex - und in mir. Ich habe soviel wie möglich auf täglicher Basis ‘geübt’ und habe mir langsam eine völlig andere Erfahrung geschaffen. Das hat mir auch geholfen, die tantrische Führung auf tieferen Ebenen zu verstehen. Es war mir möglich, den neuen, radikaleren Ansatz von Barry Long zu verbinden mit den von Osho interpretierten alten tantrischen Schriften. Barry Long sind die Wurzeln und Osho die Flügel. Und Sex an sich ist eine Inspiration und eine spirituelle Erfahrung.

RAJA: Als ich 1995 das erste Mal mit dieser neuen Art des Liebemachens in Kontakt kam hat es sich sofort richtig angefühlt. Es hatte nichts mit Schwierigkeiten in meiner Sexualität zu tun. Mein Sexleben war gut, nur dass ich nichts von anderen Möglichkeiten wusste. Als ich die ‘Making Love’ Tapes von Barry Long hörte, konnte ich einfach die Wahrheit hinter seinen Worten spüren. Es ist schwierig auszudrücken. Aber mir wurde eine Annäherung an Sex angeboten, bei der ich einfach meinem Körper vertrauen und alles Weitere dem Bewusstsein in den Genitalien überlassen konnte. Ich war plötzlich nicht mehr auf irgendeinem Programm. Ich musste nichts mehr beweisen oder mir Sorgen machen, es war wie ‘nach Hause kommen’. Wahrscheinlich waren meine lange Erfahrung mit Tai Chi hilfreich ? Körperbewusstsein, Grounding etc ? aber um ehrlich zu sein habe ich mich erst durch diese Art von Liebemachen richtig geerdet gefühlt und hatte wirklich Zugang zu meiner inneren Welt. Und natürlich habe ich glücklicherweise in Puja jemanden gefunden, mit deren Erfahrung und Vertrauen ich weiter diesen Weg erforschen kann.

F: Wann habt ihr angefangen, Eure Making-Love-Gruppen zu leiten?

PUJA: Die erste Gruppe leitete ich 1993 für dieTantra Lehrer in der Osho Commune in Pune; im gleichen Jahr habe ich auch Kurse in Italien gegeben, und 1994 auch mit Tantra-Lehrern von’ Tantra International’ in Europa . Ich hatte also Gelegenheit auch mit Lehrern von anderen Tantra-Schulen zu arbeiten. Und seither leiten wir zusammen Gruppen in ganz Europa.

F: Könnt ihr noch mehr über eure Gruppen sagen?

PUJA: Wir kommen für eine Woche zusammen und jedes Paar hat ein Doppelzimmer, wenn möglich mit eigenem Bad. Es ist ein bisschen wie spirituelle Flitterwochen. Über 7 Tage machen wir Schritt für Schritt die Paare mit den ‘Love Keys’ vertaut. Die ‘Love Keys’ sind sozusagen die Grundlage unserer Arbeit. Wir konzentrieren uns auf den Körper, machen Tai Chi, verschiedene Meditationen und Körperarbeit, um unsere Energien aufzuwecken. Jeden Tag gehen wir einen weiteren Schritt tiefer in ein neues Bild von Sex. Aber das ‘Üben’ mit den Love Keys ist der wichtigste Teil der Gruppe.

Q: Dein Buch "Zeit für Liebe" heisst auf Englisch "Love Keys". Was ist die Verbindung?

PUJA: Das Buch beschreibt den schrittweisen Ansatz, den wir auch in den Gruppen geben. Es ist also möglich, schon mit dem Experimentieren mit Hilfe des Buches anzufangen. Das war die Absicht dahinter. Im Retreat kommt die Information natürlich direkter rüber, ist also vielleicht einfacher. Und wir setzen die Theorie sofort in die Praxis um und warten nicht auf später. Auch sind Raja und ich da, um eventuelle Fragen zu klären, die beim Experimentieren auftauchen. Das schafft natürlich eine Grundlage fur Vertrauen.